Sekundarias im Schulraum am Niederhof
Regina Kapelari
Wir Eltern und Begleiter der Kinder machen nun unsere ersten hautnahen Kontakte mit Menschenwesen an der Schwelle zum Erwachsensein. Ein spannendes Abenteuer, das die Qualität
unseres Seins mit Kindern in den letzten Jahren erbarmungslos ans Tageslicht bringt. Wie viel Vertrauen war da wirklich? Hat sich da nicht doch ab und zu ein wenig Bewerten eingeschlichen? Für uns Erwachsene zeigt sich jetzt in dieser Phase, wo wir selbst stehen... und es ist eine wunderbare Chance, sich neu zu entscheiden.
Fünf- drei Burschen und zwei Mädchen- sind es derzeit in der Niederhofschule, fünf von zwanzig, die sich Sekundarias nennen. Vorangegangen sind der Gründung der Sekundaria viele Gespräche im Lehrerteam, mit den Eltern sowie mit FreundInnen hier im Lebensraum am Niederhof.
Die zentrale Frage war: Was macht aus Kindern Sekundarias?
In unseren Teamgesprächen (und wir sind alle auch Mütter der ältesten Kinder) wurde uns langsam klar, dass auch aus unseren Kindern langsam, aber unaufhaltsam Jugendliche wurden. Wir wollten es noch nicht so ganz wahr haben, am Anfang. Aber die äusserlichen Merkmale waren nicht zu übersehen. Auch die Gesprächsinhalte, die Handlungsebenen und das soziale Verhalten begannen sich zu verändern. Am Sofa liegend, plaudernd und witzelnd verbrachte Vormittage wechselten mit Phasen ernsthafter Selbstreflexion ab, von denen mancher Erwachsener vieles lernen konnte. Daheim gab es des öfteren unerwartete Tränen, mal heimlich, mal in aller Offenheit. Die Abendgespräche an der Bettkante wurden wieder wichtiger. Der Mut, die Welt außerhalb des geschützten Rahmens von Familie und Schule zu erforschen, wuchs und führte zu neuer Selbstständigkeit.
All dem wollten wir auch in der Schule Rechnung tragen. Unsere großen Vier waren nun wirklich keine Kinder mehr wie die anderen, sie bildeten quasi eine eigene Gesellschaftsgruppe. Da wir aus anderen Alternativschulen den Ausdruck "Sekundaria" für die Oberstufe kannten, erschien es uns nahe liegend, auch bei uns am Niederhof eine Sekundaria entstehen zu lassen, obwohl ich persönlich lieber einen unserer Sprachkultur gemäßen Ausdruck gewählt hätte. Allein- mir fiel keiner ein.
Es galt nun noch die Kriterien herauszuarbeiten, was ein Kind zum Sekundaria werden lässt, die oben erwähnte zentrale Frage. Wie es sagen, in Sprache bringen... Es war dann alles viel einfacher als erwartet. Als wir den Jugendlichen mitteilten, dass es jetzt die Möglichkeit gäbe, in die Sekundaria überzutreten, kamen genau die betreffenden Vier zum Team, um den Schritt zu vollziehen. Sie fühlten sich scheinbar, ihrem inneren Zustand entsprechend, in diese neue Gruppe gehörend, ohne viele Fragen, ohne notwendige Erklärungen. Formale Dinge, wie dass sie sich jederzeit unter Angabe nachvollziehbarer Gründe von der Schule abmelden können oder die Tatsache, dass in der Sekundaria ein Schultagebuch zu führen ist, rückten in den Hintergrund. Wichtig war vor allem das neue Rollenverständnis, der neue Status, wenn man so will.
Es ist also im Schulraum am Niederhof keine Frage des tatsächlichen Alters, Sekundaria zu werden, sondern eine Frage der Selbstwahrnehmung, der inneren Reife.
Bedingungen, die wir Erwachsene uns zuvor überlegt hatten, waren der verantwortliche Umgang mit Schulregeln, das Übernehmen sozialer Verantwortung und die Selbstreflexion in Bezug auf die eigene Bildung (Schultagebuch). All das kam im Aufnahmegespräch, das wir mit jedem Einzelnen führten, zur Sprache. Insgesamt waren diese Gespräche sehr kurz, entbehrten aber nicht einer gewissen Feierlichkeit.
Seither gestalten und verwalten die Sekundarias ihren eigenen Raum, wählen aus speziellen Angeboten exklusiv für sie, notieren in ihrem Schultagebuch die Aktivitäten des Tages und genießen neue Freiheiten. Nichts desto trotz sind sie nach wie vor Teil der Schulgemeinschaft, nützen den gesamten Schulraum, spielen mit jüngeren Freunden und nehmen den gemeinsamen Jausentermin gerne wahr. Aber ihre neuen Bedürfnisse- das gemeinsame Sein, das Reden, Reden und nochmals Reden um zu klären, wer sie sind und in welchen Beziehungen sie zu den anderen, zur Gesellschaft usw. stehen -leben sie unter sich.
Wir Eltern und Betreuer haben entschieden, ihnen die Zeit zu geben, die sie brauchen, um ihren Weg in die Welt zu gehen. Sie gehen ihn, unaufhaltsam, wir beginnen loszulassen, aber keineswegs wollen wir sie drängen.
Regina Kapelari ist Mutter von drei der Jugendlichen und arbeitet in der Niederhofschule